Italiker: Wolf, Specht, Stier

Italiker: Wolf, Specht, Stier
Italiker: Wolf, Specht, Stier
 
Die kulturelle Aufbruchstimmung des Jugendstils um die Jahrhundertwende hatte 1897 in Wien zur Gründung einer Zeitschrift mit dem Titel »Ver Sacrum« geführt, das heißt »Heiliger Frühling«. Damit meinte die Wiener Secession, im Sinne einer im antiken Italien der Frühzeit verbreiteten Sitte zu handeln, nach welcher zur Frühlingszeit junge Leute ihre Heimatstadt verließen, um in noch unbekannten und unerschlossenen Gegenden ein neues Leben zu beginnen. Gewiss gab es diese Sitte, nur bedeutete sie etwas ganz anderes und hatte ganz andere Ursachen als der künstlerische Aufbruch des Jugendstils. In ihrer Spätform, bei den Römern, die diese Sitte aus der Frühzeit übernommen hatten, bedeutete sie nur ein besonderes Gelübde an die Götter, die man erzürnt glaubte und versöhnen wollte. So geschah es nach der blutigen Niederlage gegen Hannibal in der Schlacht am Trasimenischen See 217 v. Chr., als die geschlagenen Römer Jupiter für den Fall des Sieges im Krieg gegen Karthago umfangreiche Opfer versprachen. Eingelöst wurde das Versprechen erst 194 v. Chr., also nach 21 Jahren, und das erklärt sich aus der Herkunft und ursprünglichen Bedeutung des Ver sacrum.
 
Noch in historischer Zeit gab es nämlich bei zahlreichen Völkern Italiens einen religiösen Ritus, der darin bestand, dem Kriegsgott Mamers, der bei den Römern Mars hieß, im Fall einer Not — Krieg, Epidemien oder Hungersnot — alles darzubringen, was im kommenden Frühjahr, eben im auf diese Weise geheiligten Frühling, geboren werden sollte. Das bezog sich auch auf die Menschen, und obwohl es denkbar ist, dass es in grauer Vorzeit auch Kinderopfer gegeben hatte, bedeutete es jetzt nur noch, dass die betreffenden Jungen und Mädchen mit 21 Jahren zur Auswanderung gezwungen wurden. Die moderne Wissenschaft hat mit Recht angenommen, dass dieser Ritus helfen sollte, die Überbevölkerung zu bekämpfen, und dass er die Form gewesen ist, in der sich die Ausbreitung der betreffenden Völker über Italien vollzogen hat.
 
Das entspricht auch der antiken Überlieferung, die im Kern deshalb zuverlässig ist, weil wir diese Vorgänge noch in historischer Zeit beobachten können. In einem Punkt freilich tragen sie ausgesprochen sagenhafte, wenn auch poetische Züge. Man glaubte nämlich, dass dem jeweiligen Auswanderungszug ein von Mars gesandtes Tier vorauszog, um den jungen Leuten den Platz anzuweisen, an dem sie sich niederlassen, ihre neue Siedlung anlegen und im Ergebnis dann sogar ein neues Volk begründen sollten, dessen Name manchmal an das vorausziehende Tier erinnerte. Nach solcher Überlieferung entstanden die Lukaner und Hirpiner aus Zügen, die ein Wolf (lateinisch lupus, oskisch hirpus) führte, wobei nicht sicher ist, ob der Name der Lukaner wirklich von lupus stammt; den späteren Picentern zog ein Specht (picus) voran, ein Vogel, dem man wahrsagerische Qualitäten zuschrieb, und die Samniten führte ein Stier, ein dem Mars heiliges Tier; auch in der Gründungssage Roms spielen Wolf und Specht eine wichtige Rolle. Diese Art Legende ist im Übrigen weit verbreitet. So führt das siebenbürgisch-sächsische Dorf Meschen einen Sperling als Wappentier, der im dortigen Dialekt Mösch genannt wird, und es heißt, den mittelalterlichen Kolonisten des Rhein-Mosel-Gebietes sei ein Mösch vorausgeflogen, und da, wo er sich niedergelassen habe, hätten sie ihr Dorf gegründet und nach dem Spatz benannt.
 
 Die Quellen
 
Die tatsächliche Geschichte dieser italischen Völker herauszubekommen, ist deshalb nicht einfach und auf weite Strecken sogar unmöglich, weil die erzählenden historischen Quellen stark durch das Volk geprägt sind, das, selber zu ihnen gehörig, alle anderen schließlich besiegt und unter ihrer Führung vereinigt hatte, also durch die Römer. Aus diesen Quellen geht aber auf jeden Fall das eine hervor, dass es sich um vitale Völker handelte, die in einem komplizierten Prozess von Druck und Gegendruck den Römern jahrhundertelang zu schaffen machten. Sie saßen meist in den Bergen Italiens, waren von rauen, kriegerischen Sitten, und ihr Drang in die Ebenen lag nicht an einer von vornherein gegebenen Expansionslust oder Lust am Beutemachen, sondern an dem Phänomen, das im Ver sacrum seinen Ausdruck fand, an der Überbevölkerung. Die Römer hatten großen Respekt vor ihnen, und es war keineswegs sicher, wer aus diesen unaufhörlichen Kämpfen als Sieger hervorgehen würde. Noch kurz vor dem Ende der Römischen Republik, zu Beginn des 1. Jahrhunderts v. Chr., hatte Rom einen Kampf auf Leben und Tod mit ihnen zu bestehen.
 
Die Lücken und verzerrten Sichtweisen der schriftlichen römischen Quellen werden ergänzt einerseits durch die Archäologie, die in den letzten zweihundert Jahren zahlreiche italische Städte und sonstige Ansiedlungen sowie Kunstwerke und andere Gegenstände zutage gefördert hat, andererseits durch Münzen und vor allem durch Inschriften. Diese Inschriften unterrichten uns über religiöse und staatliche Sachverhalte, und sie unterrichten uns durch ihre unterschiedlichen Alphabete und Sprachen, in denen sie abgefasst sind, über die kulturellen und, soweit man das aus Sprachlichem schließen kann, ethnischen Zustände der italischen Völker. Schon dass wir überhaupt von italischen Völkern sprechen und darunter nicht die ja auch in Italien lebenden Kelten, Etrusker, Griechen und Illyrer verstehen, ist darin begründet, dass diese Italiker miteinander verwandte indoeuropäische Sprachen sprachen, die sich von den Sprachen der anderen stark absetzten, und diese Kenntnis verdanken wir den Inschriften.
 
Der erste substanzielle Inschriftenfund in einer italischen Sprache war zugleich der umfangreichste: 1444 fand man in der italienischen Stadt Gubbio in Umbrien sieben Bronzetafeln, zwei rechtsläufig in lateinischer Schrift und mit einer unbekannten Sprache, fünf linksläufig sogar in einer unbekannten Schrift, eine davon auf der Rückseite in beiden Schriften beschrieben; erst 1749 wurden diese Tafeln publiziert. Da Gubbio in der Antike Iguvium hieß, nannte man diese später entschlüsselten Tafeln — ihr Inhalt waren kultische Vorschriften — »Tabulae Iguvinae«, Iguvinische Tafeln. Die Sprache, in der sie verfasst waren, nannte man Umbrisch, und nachdem im Lauf der Zeit immer mehr Inschriften auf Stein oder Bronze gefunden und gelesen wurden — der Prototyp einer solchen Inschrift der oskischen Sprachgruppe ist die »Tabula Bantina« aus der süditalienischen Stadt Santa Maria di Banzi —, hat man heute eine ziemlich genaue Kenntnis der Sprachen, die in Mittel- und Süditalien vor der Beherrschung Italiens durch Rom gesprochen wurden und die man mit den in den schriftlichen Quellen genannten Völkern zusammenbringen kann.
 
Alle diese Völker und Sprachen sind nicht nur sämtlich indogermanisch, sondern sie sind miteinander so sehr verwandt, dass man sie zusammenfassend »Italiker« und »italische Sprachen« nennen kann, sodass diese Sprachgruppe also auf einer Ebene etwa mit dem Germanischen oder Keltischen steht. Die Menschen, die diese Sprachen sprachen, wanderten etwa ab 1000 v. Chr. in kleinen Einzelschüben und in einem ganz unübersichtlichen Prozess ein und vermischten sich mit den nichtindogermanischen Ureinwohnern, gelegentlich Aboriginer genannt. Ihre Sprache gliedert sich in zwei Hauptgruppen. Die eine ist das Latinisch-Faliskische, das von den Bewohnern der Landschaft Latium einschließlich Roms sowie von den Einwohnern der Stadt Falerii gesprochen wurde. Falerii gehörte zu Etrurien und unterlag starkem etruskischem Einfluss, die Inschriften jedoch zeigen, dass die hier gesprochene Sprache dem Lateinischen sehr eng verwandt war. Die andere, weit größere Hauptgruppe ist das Oskisch-Umbrische. Die umbrische Variante war im Norden und Westen Mittelitaliens zu Hause, die oskische erstreckte sich über den Rest der Halbinsel nach Osten und Süden; das Umbrische war weiter entwickelt und geschmeidiger, das Oskische altertümlicher und ungelenker. Hinsichtlich des Umbrischen macht die Verbindung mit einem Volk, nämlich den Umbrern, keine Schwierigkeiten; etwas verzwickter aber steht es mit der Bezeichnung »oskisch«.
 
In historischer Zeit nämlich sprach diese Sprache nicht mehr das verschwundene Volk der Osker, sondern der Großstamm der Samniten, sodass die hier gemeinte Sprache also eher Samnitisch genannt werden müsste. Zu erklären ist das damit, dass die Römer mit den Samniten zuerst auf ehemals oskischem Gebiet zusammentrafen und nach diesem die Sprache des ihnen neuen Volkes bezeichneten. Eine zweite terminologische Schwierigkeit soll bei dieser Gelegenheit kurz erwähnt werden und dann nicht mehr zur Sprache kommen. Gelegentlich erscheint der Sammelname Sabeller; damit sind im Großen und Ganzen die Samniten und mit ihnen verwandte Stämme gemeint oder auch die Völker, die die Institution des Ver sacrum kannten; wir wollen im Folgenden diese Bezeichnung vermeiden, um keine Verwirrung zu stiften.
 
 Die Italiker in Mittel- und Süditalien
 
Um uns einen Überblick zu verschaffen, machen wir jetzt einen Gang durch Mittel- und Süditalien, um die dort lebenden Völker kurz kennen zu lernen und danach einige Gemeinsamkeiten herauszuheben. Wir beginnen natürlich bei Rom, belassen es aber fast nur bei seiner Erwähnung, denn seiner Entwicklung ist ja ein besonderer Teil des vorliegenden Buches gewidmet. Immerhin soll gesagt werden, dass Rom keineswegs eine kulturell-ethnische Einheit darstellte, sondern, an der Grenze zu Etrurien liegend, starken etruskischen Einflüssen ausgesetzt war und sich zudem nicht nur der Sage nach aus verschiedenen ethnischen Elementen zusammensetzte; die Sage vom Raub der Sabinerinnen ist nur der bekannteste Sachverhalt. Im Übrigen war Rom ursprünglich und auf lange Zeit nichts weiter als eine der vielen kleinen Städte in Latium. Diese Städte hießen populi, es gab um 350 v. Chr. etwa zwanzig von ihnen, die später prisci Latini (Altlatiner) genannt wurden. Sie waren in verschiedenen Bünden vereinigt und standen in wechselnden Verhältnissen zu Rom, bald verbündet, bald als Kriegsgegner. Ihre innere Struktur war Rom vergleichbar, und da sie zudem dieselbe Sprache sprachen, bereitete ihre allmähliche Integration in den römischen Staatsverband keine großen Schwierigkeiten.
 
Die wichtigsten dieser Städte bzw. Populi waren die folgenden, die hier wegen ihrer Klangfülle und weil sich mit ihnen jeweils zahlreiche historische und sagenhafte Geschichten verbinden, in alphabetischer Reihenfolge hintereinander aufgeführt werden: Alba Longa (heute Castel Gandolfo), Antium (Porto d'Anzio), Ardea, Aricia (Ariccia), Bovillae, Fidenae, Gabii, Lanuvium, Lavinium, Nomentum, Praeneste (Palestrina), Tibur (Tivoli) und Tusculum (Frascati). Alba Longa, wo sich das Bundesheiligtum der Latiner des Iuppiter (Jupiter) Latiaris befunden haben soll, wurde der Sage nach schon zur römischen Königszeit erobert und das Heiligtum, zusammen mit den Einwohnern, nach Rom gebracht; die Seestadt Antium ist deshalb berühmt, weil sie zeitweilig im Besitz der Volsker war, weil der zweifelhafte Held Coriolan von dort aus gegen seine Vaterstadt Rom kämpfte und weil nach ihrer Eroberung 338 v. Chr. Schiffsschnäbel, lateinisch rostra, als Beute nach Rom gebracht wurden und an der Rednertribüne auf dem Forum Romanum angebracht wurden; Lavinium war der Tradition nach schon von Äneas gegründet worden und wurde zum Nachfolger Alba Longas als Heiligtum, und das Auffinden von dreizehn Monumentalaltären hat dieser Tradition erhebliche Glaubwürdigkeit verliehen; Praeneste und Tibur waren die mächtigsten Städte Latiums und hatten lange ein großes Eigengewicht; Tusculum schließlich, Sommerfrische vieler wohlhabender Römer, ist der Schauplatz der berühmten »Tuskulanischen Gespräche« Ciceros.
 
Sabiner und Bergvölker
 
Von den umgebenden Stämmen und Völkern seien zuerst die Sabiner genannt; die Rolle, die sie in der Sage spielen, wurde schon erwähnt. Sie sprachen Umbrisch und saßen nordöstlich von Rom. Sie galten als dasjenige Volk, das zuerst die Sitte des Ver sacrum praktizierte und von dem dadurch, teils unmittelbar, teils mittelbar, viele andere italische Völker abstammten; um 300 v. Chr. wurden sie unterworfen und bekamen einige Jahrzehnte später das römische Bürgerrecht. Die Herniker, ein kleiner in Ostlatium ansässiger Stamm, waren ebenfalls umbrischer Herkunft und hatten ihre wenigen Städte in einen Bund zusammengefasst. Anders als die anderen Nachbarvölker waren sie aber schon früh in freundliche Beziehungen zu Rom und zu den Latinern getreten, und zwar deshalb, weil sie wie diese unter den Einfällen der Bergvölker zu leiden hatten. Sie bildeten mit Rom und den Latinern ein Bündnis, das foedus Cassianum, und kamen nach einigen Wechselfällen um 300 v. Chr. endgültig unter römische Herrschaft.
 
Die Bergvölker, von denen die Rede war, waren die in den Abruzzen siedelnden Äquer und Volsker, beide ebenfalls zur umbrischen Sprachfamilie gehörig; sie waren diejenigen, die abzuwehren im 5. und 4. Jahrhundert v. Chr. die Hauptlast der Latiner und Roms war. Die Äquer wurden von Latinern, Römern und Hernikern bereits am Ende des 5. Jahrhunderts endgültig zurückgedrängt und siedelten, schwer dezimiert, in den Ausläufern der Berge hinter Tibur und Praeneste. Aggressiver und zäher waren die Volsker. Sie drangen durch ganz Latium an die Küste des Tyrrhenischen Meeres vor und »volskisierten« sozusagen wichtige latinische Städte zum Teil so weit, dass diese sich sogar umbenannten. Aus Tarracina wurde so Anxur, und das Antium, das die Römer unter Mitnahme der »rostra« eroberten, war ja das volskische Antium. Auch die latinische Stadt Velitrae hatte volskische Bewohner, und aus ihr stammt die einzige Inschrift, die unzweifelhaft in volskischer Sprache abgefasst ist, die »Tabula Veliterna«, ein Text von nur vier Zeilen. Am Ende des 4. Jahrhunderts v. Chr. wurden die Volsker endgültig besiegt, ja wohl ausgelöscht; volskische Piraten machten aber noch lange die Küste unsicher.
 
Kampanien, Heimat vieler Völker
 
Zwischen Latium und Kampanien saßen die beiden kleinen, Oskisch sprechenden Völker der Sidiciner und der Aurunker, letztere eben dort, wo früher die unterdessen verschwundenen Osker gesiedelt hatten. Die Landschaft Kampanien selbst kann nicht mit einem einzigen Volk oder Stamm identifiziert werden. In diesem gesegneten Land gaben nacheinander, nebeneinander und sogar miteinander gemischt Osker, Griechen, Etrusker, Samniten und Römer den Ton an. Nach den Einheimischen kamen zunächst die Griechen und gründeten Städte — die wichtigsten waren Kyme, später Cumae, und Neapolis, heute Neapel —, dann siedelten hier die Osker, und später setzten sich die Etrusker, sozusagen durch Latium hindurch oder über es hinweg, hier fest. Die Niederlage der Etrusker in der Seeschlacht bei Kyme 474 v. Chr. durch den Tyrannen Hieron I. von Syrakus, den die Griechen zu Hilfe gerufen hatten, schwächte die etruskische Stellung so schwer, dass nunmehr das Bergvolk der Samniten, von dem wir später noch Näheres hören werden, in die Ebene vordrang.
 
Neapolis konnte seine Unabhängigkeit und sein Griechentum bewahren, aber alle anderen Städte wie etwa das ehemals oskische, dann etruskische Capua, Cumae oder auch das viele Jahrhunderte später durch den Vesuvausbruch verschüttete Pompeji wurden im Laufe der späteren Jahrzehnte teils durch Samniten unterwandert, teils militärisch erobert. In Pompeji wurden zahlreiche Inschriften oskischer Sprache gefunden, und auch sonst ist die samnitische Präsenz in Kampanien deutlich dokumentiert. Trotzdem wird man nicht davon sprechen können, dass Kampanien nun ein Teil Samniums geworden wäre. Die neuen Eroberer des Landes vermischten sich mit der vorgefundenen Bevölkerung und nahmen in vieler Beziehung die höher entwickelte griechisch-etruskische Zivilisation an, sodass man schließlich von einem spezifischen kampanischen (Misch-)Volk sprechen kann.
 
So erklärt es sich, dass wir kampanische Söldner kennen, die ihr Kriegshandwerk dem Meistbietenden zur Verfügung stellten wie zum Beispiel der Söldnerhaufe, der zunächst auf römischer Seite gegen den griechischen Abenteurerkönig Pyrrhos kämpfte, sich dann 280 v. Chr. in der süditalischen Griechenstadt Rhegion festsetzte, die Bevölkerung terrorisierte und schließlich von den Römern 270 selber samt und sonders hingerichtet wurde. Vom gleichen Schlag waren die Söldner oskischer Sprache, die sich Mamertiner, also Marssöhne, nannten, Messina eroberten und den Anlass zum Ausbruch des 1. Punischen Krieges im Jahr 264 v. Chr. darstellten; wir haben Inschriften von ihnen, die zu unserer Kenntnis des Oskischen beitragen. Beispielhaft für die »Emanzipation« des samnitischen Elements in Kampanien ist die Geschichte Capuas. Obwohl es samnitisch geworden war, verlor sich, auch durch das Zusammenleben mit den anderen Bevölkerungsteilen, alsbald das Gefühl der Zusammengehörigkeit mit den Bergsamniten, sodass sich die Stadt im Jahr 343 v. Chr. gegen die fortgesetzten Angriffe der alten Stammesgenossen aus den Bergen an Rom um Hilfe wandte. Auf diese Weise wurde Rom in Kampanien präsent und verstärkte seinen Einfluss immer mehr, sodass gegen Ende der Republik das gesamte Land, mit Ausnahme Neapels, römisch geworden war.
 
Im Süden Lukaner und Bruttier, im Norden die Picenter
 
Wir gehen weiter an der Küste entlang, umrunden also gewissermaßen den Stiefel und lassen die Mitte zunächst außer Betracht. An Kampanien schließt Lukanien an, ein Gebiet, das erst im 4. Jahrhundert v. Chr. seinen Namen von dem aus den Bergen hinabdrängenden Volk der Lukaner bekommen hat, das wohl seinerseits eine Abspaltung der Samniten war. Die Küsten waren ja seit der griechischen Kolonisation mit griechischen Städten gesäumt, aber ähnlich wie in Kampanien gelang es den neu Hineindrängenden, viele von ihnen ihres griechischen Charakters zu entkleiden. So wurde aus dem griechischen Poseidonia schon früh im 4. Jahrhundert das Oskisch sprechende lukanische Paestum. Die Lukaner prägten auf ihre Münzen einen Wolfskopf als Symbol, und es ist von großer Faszination, diesen Wolf als das Tier zu verstehen, von dem man meinte, dass es den Auswandernden bei einem Ver sacrum voranging und ihnen die neuen Wohnsitze wies. Eine der frühesten römischen Inschriften von 298 v. Chr., die Grabschrift des Lucius Cornelius Scipio Barbatus, spricht in eindrucksvoller Knappheit von einem Triumph, der über die Lukaner gefeiert wurde.
 
Die Stiefelspitze wurde vom Volk der Bruttier eingenommen, die ihrerseits das Ergebnis eines Ver sacrum darstellten, nun von den Lukanern ausgegangen; etymologisch bedeutet die Volksbezeichnung sogar »die Abgespaltenen«. Seit der Mitte des 4. Jahrhunderts v. Chr. waren sie selbstständig, bedrängten und eroberten viele Griechenstädte und gaben sogar der ganzen Landschaft den Namen Bruttium; erst seit dem späten 7. Jahrhundert n. Chr. heißt die Halbinsel Kalabrien. Im damaligen Kalabrien, also dem Stiefelabsatz, der heutigen Salentinischen Halbinsel, saßen die illyrischen Messapier, mit den Unterstämmen der Salentiner und Kalabrer. Auch die nördlich anschließenden Peuketier waren von der östlichen Adriaküste herübergekommene Illyrer, aber die das Land um den Berg Garganus (den Sporn des Stiefels) herum bewohnenden Daunier und Apuler sprachen ausweislich der wenigen Inschriften und Münzlegenden eine oskische Sprache, stammten also von den Samniten ab.
 
Nördlich von ihnen siedelten die samnitischen Frentaner, an sie schlossen sich die Marrukiner an, also nördlich der Höhe, auf der auf der anderen Seite der Halbinsel Rom liegt; sie, deren Name sich vom Gott Mars herleitet, worin wir wieder einen Ursprung durch ein Ver sacrum erkennen können, schrieben ihr Oskisch mit lateinischem Alphabet. Über die Vestiner und die Prätuttier, von deren Namen die Bezeichnung Abruzzen herstammt, kommen wir zum nördlichsten italischen Volk, den Picentern in der Landschaft Picenum. In ihrem Namen ist, wie schon gesagt, das Wort für Specht enthalten, ihre Sprache war wohl die umbrische Variante des Oskischen. Sie waren ein sehr kriegerisches Volk, und als die Römer sie 268 v. Chr. unterworfen hatten, wurde, was ganz ungewöhnlich ist, ein Teil von ihnen an den Golf von Paestum umgesiedelt, sodass dort dann auch Picenter anzutreffen waren.
 
Von den Umbrern zu den Samniten
 
Im Landesinneren saßen die Umbrer, ein ehemals großes Volk, dessen Sprache wir durch die Iguvinischen Tafeln besonders gut kennen; sie sprachen den Anlaut, den die Römer »qu« aussprachen, wie »p« aus, sagten also pis statt quis. Diese Entwicklung hat die heutige rumänische Sprache wieder in umgekehrter Richtung vollzogen: Das Wort für vier heißt hier patru (von lateinisch quattuor), das Wort für Wasser apa (von aqua). Die Umbrer waren weniger kämpferisch als die meisten anderen italischen Stämme, obwohl ihre Variante des Namens des Kriegsgottes Mars besonders kriegerisch klingt: Mavors; sie fügten sich schnell den Kelten und dann den Römern. An sie schlossen sich nach Süden die schon besprochenen Sabiner an, an diese die Äquer, die westlich des Fucinersees wohnten. Östlich davon siedelten die wieder Oskisch sprechenden Päligner, die besonders tüchtige Kontingente zum römischen Heer stellten, und am Südrand des Sees saßen die Marser, deren Name nun unverkennbar vom Gott Mars herstammt; entsprechend sagte man in Rom, nie habe man einen Triumph über die Marser oder ohne sie begehen können.
 
Und nun zum Schluss die Samniten. Sie waren ja nicht nur die Keimzelle eines Großteils der Italiker — einer ihrer Unterstämme waren die besonders wilden Hirpiner —, sie sind auch diejenigen gewesen, deren Härte und Unbeugsamkeit den Römern am meisten zu schaffen gemacht hatte, so sehr, dass sie schließlich gegen Ende der Republik vollständig ausgerottet wurden. Drei Samnitenkriege werden gezählt, und als die Italiker sich um das Jahr 90 v. Chr. gegen die Römer erhoben, kämpften die Samniten, neben den Marsern und Picentern, am ausdauerndsten bis zum Untergang. Paradoxerweise war es gerade ihre Vitalität, die ihnen das Ende bereitete. Wir hatten gesehen, wie sie Kampanien unterwanderten und überrollten, und wir hatten auch gesehen, wie das auf diese Weise entstandene kampanische Volk sich gegen weiteres samnitisches Eindringen dadurch zur Wehr setzte, dass es die Römer zu Hilfe rief. Dieser Vorgang liegt auch allen anderen Nachrichten zugrunde, durch die wir hören, dass die Römer ein italisches Volk nach dem anderen unterwarfen. Meistens handelte es sich um Abspaltungen des rauen samnitischen Volkes, die an der jeweiligen Küste eine eigene Identität gewannen und im Zusammengehen mit den Römern den besten Schutz gegen die Angriffe sahen, die ihre ehemaligen Stammväter gegen sie unternahmen.
 
 Das staatliche Leben
 
Die italische Religion unterlag, soweit sie nicht auf einem urtümlichen Niveau verharrte, den Einflüssen der griechischen Zivilisation, wie es ja auch mit der römischen geschah. Das staatliche Leben ist uns in seinen Institutionen vorwiegend durch Inschriften einigermaßen und doch lückenhaft bekannt geworden. Das der Latiner ähnelte sehr dem römischen, mit einigen Abweichungen wie der, dass der Oberbeamte dictator hieß. Bei den Völkern oskisch- umbrischer Sprache hieß das Volk und, bei dem personalistischen Staatsverständnis der Antike, damit gleichzeitig auch der Staat selber touta oder tuta, das davon gebildete Adjektiv tutiko. Der oberste Beamte hieß bei den meisten meddix, was etymologisch aus medos (Recht) und dik (etwas offenbar machen) zu erklären ist und somit dem lateinischen iudex entspricht; er war also ein »Richter«, wie der Oberbeamte ja auch bei vielen anderen Völkern genannt wird.
 
Ein, latinisiert geschrieben, meddix tuticus war also ein staatlicher oder öffentlicher Richter und Oberbeamter. Es kommt vor, dass es zwei meddices gab, jedoch waren das anders als in Rom nicht zwei Kollegen, die auf derselben Stufe standen und das Amt gemeinsam auszuüben hatten, sondern es war hier immer ein Rangunterschied gegeben. Neben anderen Magistraten sei hier nur noch das mindere Amt des keenstur erwähnt, also des Zensors, der in seinen Befugnissen und seinem Prestige aber unter seinem römischen Pendant stand. Aus Analogie zu erschließen, aber schwer nachzuweisen ist ein Rat der Alten, also ein Senat; wir hören nur von einem Fall, in dem ein solches Gremium vom Volk zu wählen war. Natürlich gab es eben auch eine Volksversammlung, wie sie in der antiken Welt verbreitet war, aber die vorwiegend praktizierte Verfassung dürfte eher eine gemäßigte Aristokratie wie in Rom gewesen sein. Die Italiker lebten vielfach noch auf der Stufe von Stammesstaaten und neigten zu innerer Zersplitterung; Bünde, zu denen sie sich in den meisten Fällen zusammentaten, waren lose Zusammenschlüsse und von geringer Lebensdauer.
 
Das Schicksal der Italiker: Aufgehen in der römischen Zivilisation
 
Das Schicksal der Italiker ist nicht ohne Tragik, gleichzeitig ist es eines, das in der Geschichte oft vorkommt. Ihre historische Existenz hat nicht zu einer eigenen Identität geführt, sondern allen war es beschieden, in der Zivilisation aufzugehen, die von einer Stadt ihresgleichen militärisch und kulturell geprägt wurde: Rom. Der Angleichungsprozess ging über Jahrhunderte, und diese Angleichung hat dazu geführt, dass wir erst jetzt, in der Neuzeit, durch Archäologie und Inschriftenkunde ein annäherndes Bild von den Italikern gewinnen können; eine Schriftsprache, die zu bedeutenden Werken geführt hat, haben sie nie entwickelt. Wirtschaftlich verharrten sie weitgehend in einfachen Verhältnissen, doch gab es durchaus Münzgeld, und die jeweilige wirtschaftlich führende Schicht bestand, wie in Rom, aus Großgrundbesitzern und Kaufleuten. Außerhalb Italiens konnte man sie nicht von Römern unterscheiden, und wenn wir aus der Spätphase der Republik von antirömischen Massakern hören, dann waren die Opfer genauso Italiker wie eigentliche römische Bürger.
 
Seit dem Beginn des 3. Jahrhunderts v. Chr. war Italien einheitlich unter der politischen Führung Roms organisiert, die nichtrömischen Städte waren rechtlich jedoch Bundesgenossen und hatten ihr eigenes Bürgerrecht behalten. Der Angleichungsprozess führte jedoch dazu, dass dieser Unterschied nicht mehr als Bewahrung einer eigenen Identität, sondern als Zurücksetzung empfunden wurde. Der Ruf nach der Verleihung des römischen Bürgerrechts an alle Italiker wurde daher immer lauter, und als er nicht erfüllt wurde, kam es von 91 bis 88 v. Chr. zum Bundesgenossenkrieg. Die Italiker schufen einen Einheitsstaat nach römischem Vorbild mit zwei meddices an der Spitze, zwölf Prätoren, einem Senat und einer Hauptstadt Italica, dem umgetauften Corfinium im Pälignerland. Der Ausgang des Krieges stand auf des Messers Schneide und konnte von den Römern nur dadurch gewonnen werden, dass sie den Gegnern nach und nach doch das Bürgerrecht verliehen.
 
Das Italikertum ist freilich im römischen Bewusstsein noch lange erhalten geblieben, wenn auch nur in einer sozusagen nostalgischen Weise: Man wusste gegebenenfalls, wer italischer Herkunft war, und mancher tat sich vielleicht darauf etwas zugute. Cicero und Marius stammten aus dem ehemals volskischen Arpinum, der Großvater des bedeutenden Politikers, Militärs und Autors Asinius Pollio war als Marrukiner noch Befehlshaber im Bundesgenossenkrieg gewesen, der Historiker Sallust kam aus dem sabinischen Amiternum, und der kaiserzeitliche Dichter Ovid stammte aus Sulmo im Pälignerland. Sie alle waren gewiss so römisch, wie man nur sein konnte, aber zu Beginn des 2. Jahrhunderts v. Chr. konnte der aus der kalabrischen Stadt Rudiae stammende lateinische Dichter Ennius, der mit seinen »Annalen« das erste Nationalepos der Römer schuf, von sich sagen, er habe tria corda, drei Herzen oder Seelen, weil er drei Sprachen könne: Griechisch, Oskisch und Lateinisch.
 
Prof. Dr. jur. Wolfgang Schuller
 
Weiterführende Erläuterungen finden Sie auch unter:
 
römische Republik: Vorgeschichte und Entstehung
 
 
Alföldi, Andreas: Das frühe Rom und die Latiner. Aus dem Englischen. Darmstadt 1977.
 Devoto, Giacomo: Gli antichi italici. Florenz 41969.
 
Hellenismus in Mittelitalien, herausgegeben von Paul Zanker. 2 Bände. Göttingen 1976.
 
Italy before the Romans. The iron age, orientalizing and Etruscan periods, herausgegeben von David Ridgway und Francesca R. Ridgway. London u. a. 1979.
 Livius, Titus: Römische Geschichte. Lateinisch und deutsch, Buch IV-VI, herausgegeben von Hans Jürgen Hillen. München u. a. 1991.
 Pallottino, Massimo: Italien vor der Römerzeit. Aus dem Italienischen. München 1987.
 Polybios: Geschichte. Eingeleitet und übertragen von Hans Drexler. 2 Bände. Zürich u. a. 21978-79.
 Potter, Timothy W.: Das römische Italien. Aus dem Englischen. Stuttgart 1992.
 Salmon, Edward T.: The making of Roman Italy. London 1982.
 Salmon, Edward T.: Samnium and the Samnites. Cambridge 1967.
 
Tabulae Iguvinae, herausgegeben von Giacomo Devoto. Neudruck Rom 1962.
 Trump, David H.: Central and southern Italy before Rome. London 1966.
 Vetter, Emil: Handbuch der italischen Dialekte, Band 1. Heidelberg 1953.

Universal-Lexikon. 2012.

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